Rehabilitationsklinik Bad Wurzach
Fachklinik für Orthopädie, Neurologie und Altersmedizin
 
 
 
 

REHA VOR PFLEGE

So können Senioren den Weg ins Pflegeheim verhindern

Ravensburg - Ein Oberschenkelhalsbruch oder eine Lungenentzündung: Oft beginnt für Senioren so eine Odyssee, die im Pflegeheim endet. Seit mehr als zehn Jahren haben Betroffene Anspruch auf eine spezielle Reha, die sie wieder fit machen soll. Doch nicht einmal drei Prozent der Patienten macht eine Reha. 
Wie können Senioren den Weg ins Pflegeheim verhindern? Darüber berichtet die "Schwäbische Zeitung".   
  
Hier lesen Sie den kompletten Beitrag
 
Reha, PDF-Version, 1 MB 
  
  
Auf den Seiten der Schwäbischen Zeitung finden Sie den Artikel ebenfalls.   
  
 

Wer hat Anspruch auf Reha?

 
Verbreitet ist die indikationsspezifische Reha. Die erhält, wer nach Krankheit oder Unfall mehr Hilfe zur Genesung benötigt, als im Krankenhaus möglich. Ältere Menschen haben außerdem unter Umständen Anspruch auf geriatrische Reha. Diese richtet sich an Patienten, die älter als 70 Jahre sind und an mehreren Krankheiten leiden – etwa Diabetes, Herz-Kreislauf-Problemen oder Arthrose. Die Geriatrie, also die Altersmedizin, betrachtet nicht einzelne Erkrankungen, sondern den Gesamtzustand der Patienten.  
  
 

Eine Reha muss schon dann bewilligt werden, wenn diese den Zustand des Patienten stabilisiert (Roland Sing, Präsident des Sozialverbands VdK)

 
Ziel der geriatrischen Reha: „Reha vor Pflege“ – die Menschen sollen so lange wie möglich in der Lage bleiben, selbstständig zu leben. Nebeneffekt: Die knappen Pflegeplätze werden weniger beansprucht. Wichtig für Patienten und Angehörige, so Roland Sing, Präsident des Sozialverbands VdK: „Eine Reha muss schon dann bewilligt werden, wenn diese den Zustand des Patienten stabilisiert. Es muss nicht unbedingt um eine Verbesserung gehen.“ Und die Reha wirkt, erklärt Professor Markus Denkinger vom Geriatrischen Zentrum Ulm: „Studien zeigen, dass Rehas wie gute Arzneien wirken. Sie können viele Menschen noch einmal zurück nach Hause bringen statt ins Pflegeheim.“  
  
 

Welche Angebote gibt es?

 
Stationäre Reha, also der Aufenthalt in einer Klinik, ambulante Angebote, bei denen Patienten daheim übernachten und mobile Angebote, bei denen Therapeuten Senioren zu Hause aufsuchen. Darüber hinaus bieten Krankenhäuser im Südwesten Geriatrisch frührehabilitative Komplexbehandlung (GFK) an. Patienten werden bereits während der Behandlung in der Klinik von Ergo- oder Physiotherapeuten begleitet. Viele könnten sonst eine Reha gar nicht antreten, weil sie dafür zu krank wären.  
  
 

Reichen die Angebote aus?

 
In Baden-Württemberg steigt die Zahl der geriatrischen Reha-Einrichtungen. 2013 zählte das Statistische Landesamt 1600 Betten, 2016 rund 1900. Aus Sicht des Sozialministeriums könne heute nahezu jeder ältere Mensch in „nicht allzu großer Entfernung“ eine stationäre Reha erreichen. Allerdings wird das nicht ausreichen. Eine Studie im Auftrag von AOK und Sozialministerium zeigt: 2035 leben in Baden-Württemberg voraussichtlich 1,14 Millionen geriatrische Patienten – ein Plus von rund 50 Prozent im Vergleich zu heute. Schon jetzt fehlen ambulante und mobile Angebote. Auf diese sind besonders Menschen in ländlichen Regionen angewiesen.  
  
 

Wie viele Menschen profitieren?

 
Eine aktuelle Studie im Auftrag von AOK und Sozialministerium zeigt: längst nicht alle Patienten, die eine Reha benötigen. 60 Prozent der potenziell geriatrischen Patienten mit Schlaganfall, die Hälfte der Älteren mit Oberschenkelhalsbruch und sogar 95 der infrage kommenden Menschen mit Herzschwäche erhielten demnach keine Reha. Insgesamt haben nur drei Prozent jener Krankenhaus-Patienten, denen eine geriatrische Reha möglicherweise helfen würde, eine solche Behandlung wahrgenommen.  
  
 

Warum profitieren so wenige?

 
Viele Patienten und Angehörige wissen nicht vom Rechtsanspruch auf die Reha. Laut Studie von AOK und Ministerium beklagen auch viele Hausärzte, es gebe zu wenig Fortbildungsangebote zur Geriatrie. Zweitens bereitet eine Reha den Ärzten viel bürokratischen Aufwand. Sie dürfen Rehas nicht wie Medikamente verordnen, sondern müssen sie bei den Krankenkassen beantragen.  
  
 

Altenpflege geht nur mit Hilfe der Gesellschaft plus

 
Das fällt am Ende eines langen Arbeitstags oft hinten herunter. Der VdK kritisiert, Krankenkassen lehnten Anträge oft zu unrecht ab. Für Krankenhäuser ist es außerdem oft einfacher, Patienten schnell zu entlassen, statt die aufwendigen Anträge zu stellen. „Zu oft werden Patienten ins Pflegeheim entlassen oder nach Hause, auch wenn der Patient dort vielleicht überfordert ist. Die Kliniken brauchen die Betten aber rasch für neue Patienten“, so der Ulmer Geriater Denkinger.  
  
 

Was muss sich ändern?

 
„Niemand fragt, wenn ein Arzt Medikamente für mehrere Hunderttausend Euro pro Jahr verschreibt. Deswegen müssen auch Rehas ohne Antrag verschrieben werden können“, fordert VdK-Chef Sing. Soweit geht Mediziner Denkinger nicht. Sein Vorschlag: „Wenn zum Beispiel Fallmanager die Ärzte beim beantragen der Rehas beraten würden, gäbe es sicher deutlich mehr davon. Anträge sind ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand, für den im Klinikalltag oft keine Zeit bleibt.“  
  
 

So sieht der Alltag von Mitarbeitern und Bewohnern aus

 
Petra Krebs, Pflegeexpertin der Grünen im Landtag, wünscht sich Zusatzausbildungen in Altersmedizin für alle Gesundheitsberufe: „Nicht nur Ärzte und Pflegekräfte, auch Physio- oder Ergotherapeuten müssen hier Bescheid wissen“, so Krebs. Die Autoren der Studie empfehlen, Ärzte und Pflegepersonal besser fortzubilden – nur so könnten diese erkennen, welche Patienten für Rehas infrage kommen. Außerdem solle das Antragsverfahren vereinfacht werden. Krankenhäuser müssten die Entlassung ihrer Patienten besser vorbereiten. Vdk-Chef Sing fordert vom Land, Geld für mehr ambulante Angebote zur Verfügung zu stellen.  
  

Wo bekommen Patienten Rat?

 
Angehörige sollten Ärzten im Krankenhaus oder den Hausarzt nach einer Reha fragen. Auch der Sozialdienst der Kliniken hilft weiter. Sollten Krankenkassen die Reha ablehnen, bietet der VdK Rechtsbeistand.  
  
 
Artikel aus: Schwäbische Zeitung vom 24.7.2019.  
  
 

Weitere Informationen des BDPK

 
Obwohl der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) bereits seit Jahren verpflichtet ist, hier im Rahmen der Begutachtung zur Bedarfsfeststellung von Pflegeleistungen auch den Bedarf an Rehabilitationsleistungen zu prüfen, wurden diese nur in sehr geringer Zahl empfohlen. Hier hat der Gesetzgeber nachgebessert und den MDK im Pflegestärkungsgesetz II zu einer strukturierten Begutachtung von Reha-Bedarfen verpflichtet. Feststellbar ist eine deutlich höhere Quote von Reha-Empfehlungen im Rahmen der Pflegebegutachtung. Die politische Erwartung ist dergestalt formuliert, dass ca. 6 Prozent aller begutachteten Menschen eine Reha-Empfehlung durch den MDK erhalten.  
  
Nach wie vor unzureichend und unterversorgt mit medizinischen Rehabilitationsleistungen sind jedoch die Versicherten, die zwar von Pflegebedürftigkeit bedroht sind, die aber noch keinen Antrag auf Pflegeleistungen gestellt haben und die nicht im Krankenhaus behandelt wurden. Sie befinden sich in der Regel in hausärztlicher Behandlung und eine deutliche Verschlechterung ihres Zustandes und ihrer Selbstversorgungskompetenz ist feststellbar. Ihre Hausärzte haben mit erheblichen Barrieren zu kämpfen, damit diese Versicherten notwendige Reha-Leistungen erhalten.  
  
Dies belegt auch die Statistik: Von den Reha-Anträgen bei der GKV wurden 2016 insgesamt wie im Vorjahr 17 Prozent abgelehnt. Die Ablehnungsquote bei der Anschlussrehabilitation belief sich auf 9 Prozent, bei den sogenannten Heilverfahren, also nicht im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt, sondern aus der niedergelassenen ärztlichen Versorgung heraus, auf 38 Prozent (2015: 37 Prozent). Rund 30 Prozent der Antragsteller haben Widerspruch eingelegt. Davon waren knapp die Hälfte erfolgreich.  
  
 
Veröffentlicht am: 29.07.2019  /  News-Bereich: News des Klinikverbundes
Artikel versenden
Artikel drucken